Erinnerungsfragmente zur Performance-Szene in Basel 1978–1986
(Der Text entstand 2009)
1. Fragment
Monografien von gesichteten Orten:
Plattenladen Winterschatten, Kulturwerkstatt Kaserne – Reithalle und Beiz, Galerie Einhorn, Areal Stadtgärtnerei, Restaurant Hasenburg, Kleinhüningerstrasse, Stückfärberei-Areal, Totentanz-Lokal, Küchen und Stuben, Treppenhäuser und Keller in Basel, Kunsthalle Basel, in unzusammenhängenden Erinnerungsbildern.
2. Fragment
Gesichter, Namen und Gruppen wortlos noch unbewegt und ungeordnet. Aldo Bonato, Rebecca Horn, Andreas Kreienbühl, Muda Mathis, Christoph Gallio, John Cage, Alex Bues, Knut Remond, Christine Brodbeck, Anna Winteler, Laurie Anderson, Fred Bertschi, Eric Busslinger, Gerald Personnier, David Öski, Rollä, Felix Kählin, Pippilotti Rist, Christoph Büchl, Claude Gaçon, Andre Ratti, Joseph Beuys u.v.m.
3. Fragment
Handlungsspuren und Bewegungsfragmente nicht analog in Super-8-Qualität.
Sequenz a: Gerald Personnier performt an die psychischen und physischen Grenzen in, um und mit Objekten von Eric Busslinger. Diese alljährlichen Performance-Serien in der Reithalle der Kaserne haben mich bis heute nachhaltig beeindruckt.
Sequenz b: Aldo Bonato installiert die Bühne der Kaserne voll mit „kackenden Hunden“ – oder waren es Höllenhunde?
Christine Brodbeck performt in dieser Installation.
Sequenz c: Z. hinterlässt an Häuserecken in Basel eine Farbspur. Von der Handlungsweise und Emotion her ganz klar als Pissecken zu identifizieren. Z. ist heute im Kunstbetrieb eine anerkannte Künstlerin.
Sequenz d: Die innovative Basler Galerie Einhorn zeigt in einem Zyklus frühe Performance-Filme von Rebecca Horn. Gleichzeitig organisieren sie einen eindrücklichen Live- Performance-Zyklus.
Sequenz e: Y. schliesst sich singend und lamentierend tagelang in einen Wandschrank ein. Die Aktion bringt das umliegende Wohnquartier in Aufruhr. Ys Mutter reist an, redet mit ihm im Schrank. Darauf bricht Y die Aktion ab.
Sequenz f: Meine spontane Liftfahrt mit Pippilotti Rist in der Clara-Migros und ihr Monolog von ihrer geplanten Videoaktion im Auf und Ab der Liftfahrten.
Sequenz g: X. zieht monatelang jede Nacht im grauen Regenmantel los. Er schwenkt dabei einen alten Kassettenrecorder in ausladenden Bewegungen. Ab Tape lässt er aufgenommene Alltagsgeräusche in die Basler Nachtruhe erklingen.
Sequenz h: Muda Mathis und Claudia Schildknecht performen im Hirscheneck, der Stadtgärtnerei und im Estrich der Kulturwerkstatt Kaserne. Kochend, singend, klingend, erzählend, Poppkorn knallend.
Sequenz i: John Cage sucht per Zeitungsinserat Laienmusiker, mit denen er innerhalb einer Woche im Stadt-Theater Basel eine Klangperformance erarbeitet.
Sequenz j: Unzählige grosse und kleine, angekündigte und spontane Aktionen und Performances auf dem Areal der Stadtgärtnerei Basel.
Sequenz k: Unscharfe Sequenzen von Actionpainting mit lauter Jazz-Musik, nackte Butoh-Tänzer rollen Treppen herunter, Stimmperformances vom Turm der Moschee in Basel, Aktionen im Bauch von Rheinschiffen, Performances auf dem Gelände der Kulturwerkstatt…
4. Fragment
Abspann. Danke an all die lebenden und bereits verstorbenen Performer aus meinen Baslerjahren 1978 – 1986, die mich bis heute inspirieren. Dank Annie Lanz konnte ich 1986 auf dem Areal der Stadtgärtnerei im Bereich Performance einiges umsetzen. Dank an unzählige Helfer, Plakatkleber, Flyer-Verteiler, Mitfiebernde, Neugierige und Mitdenkende innerhalb unkonventioneller Strategien.
Nachgedanken:
Aus der zeitlichen Distanz kann ich heute sagen, dass viele der damaligen Performances ohne präzise Partitur und Absicht waren.
Handlungsraum und Handlungsspur folgten oft einer intuitiven, emotionalen und unreflektierten Ahnung. D.h. die Erarbeitungen und Ereignisse waren sehr subjektiv und zum Grossteil schmerzhaft aggressiv.
Einiges an der heute diskutierten Performancetheorie zu den Ansätzen von Vorgehensweisen, Abläufen und Dokumentationen hat sich aus diesem unreflektierten und direkten Tun entwickelt.
Oft waren es materielle Nöte der Künstler, die den Körper als einzig verfügbares Material und Objekt ins Zentrum des künstlerischen Prozesses stellten. Der Körper wurde zur Leinwand für Imaginationen, Reflexionen, Emotionen und Interpretationen.
Die Akademisierung der Performance- und Aktionskunst in der Schweiz hat der anfänglich radikalen Position der Performance m.E. nicht nur genützt.
René Schmalz
8555 Müllheim, 15.Oktober 2008