Es ist Tanz, es ist Performance, es ist Reden über Performance
Es fängt an mit einer Handlung, beziehungsweise mit etwas wovon man denkt, es sei noch Vorbereitung, aber man ist schon mitten drin, mitten drin im Geschehen einer Performance, die davon handelt, wie diese vergängliche Kunstform im Gedächtnis bleiben kann und wie sie archiviert werden könnte.
Ein Hellraumprojektor und zwei Stühle stehen bereit. Mitten im grossen Saal der Kunsthalle Basel stehen einige der ZuschauerInnen in ihrer Doppelrolle als Rezipienten und als Statisten. Dazwischen hindurch schreitend, durch diesen Rezipientenkorpus, misst Andrea S. den Raum vorsichtig mit ihren Bewegungen aus, geht im Kreis, vor und zurück, schafft ein Verhältnis zwischen ihrem Körper, dem Raum und den ZuschauerInnen. Die Grenzen zwischen Körper und Raum, zwischen den Objekten, Publikum und Performerin, zwischen Vorbereitung und eigentlicher Handlung sind fliessend.
Ich schaue gerne dabei zu, wie Handlungsweisen, die unverständlich, komisch und absurd erscheinen, sich im Nachhinein plötzlich erhellen. Man wird für seine Geduld belohnt mit einem Erkenntniserlebnis. Man versteht plötzlich den Zusammenhang.
Die Performancearbeit von Andrea Saemann sehe ich als eine Arbeit, etwas besser zu verstehen, einen Erkenntnisprozess in Gang zu setzen und mich als Zuschauerin mit auf diesen Weg einzuladen. Dabei geht es darum, sich als Bestandteil im Strom einer Geschichte von Kunst und Performance zu verstehen, einen Echoraum zu bilden und selbst über diesen Echoraum hinaus etwas zu erschaffen. Ein unendliches Band von Geschichten, Bildern, Ähnlichkeiten und Selbstähnlichkeiten. Dabei schliesst das Denken mit dem Körper auch freudig die Gehirnwindungen als ein wichtiger Teil mit ein.
Andrea S. setzt sich auf einen der bereit gestellten Stühle, nimmt zwei Rollen Klebband, ein weisses und ein silbergraues. Damit befestigt sie einen Ball unter ihrer Ferse. Ich vernehme ein schwaches Piepsen, das ich nicht zuordnen kann. Später merke ich, dass der Ball so etwas wie eine Badeente ist, die Geräusche von sich gibt. Aber nein, in dem Augenblick des Handelns meine ich zu sehen, wie Andrea S. einen «Ball» mit Klebeband befestigt. Das silbergraue Klebeband wird fest und satt um den Ball gewickelt, mit lautem, bis agressivem Geräusch. Nachdem die Objekte unter beiden Fersen befestigt sind, zieht sie ein Klebeband rund um den Mittelfussknochen.
Die Handlung geschieht unaufgeregt, sie nimmt sich Zeit dafür und schenkt somit dem Zuschauer oder der Zuschauerin Zeit zum Nachdenken. Hirntätigkeit wird so in Gang gesetzt. Schlussendlich sieht es nun aus als trüge sie Sandalen an ihren Füssen. Aber auch an Highheels denke ich, da der Rist durch den Absatz hochgestellt wird. Oder der Fuss steckt in einem Balletschuh, im Begriff den Spitzentanz zu versuchen oder nachzuahmen. Vor allem bewirkt «der Ball» eine ähnliche Wirkung im Arsch und in den Beinen wie Highheels. Besonders wenn sie mit kessem Hüftschwung spaziert, geradezu über das Parkett schwebt.
Dabei bewegt sie sich mit ausgebreiteten Armen zwischen Publikum, Stühlen und Hellraumprojektor. Und im Herumgehen, tänzelnd, beginnt sie zu erzählen, wie Anna Winteler nach Basel gekommen sei, einen grossen Spaziergang am Rhein bis über die Wettsteinbrücke mit Reinhard Manz gemacht habe (oder war es doch Erich Busslinger?), wie sie in gemessenen Schritten dem Rheinufer entlang ging und sich dabei ihrer Kleider entledigt habe.
Vom Spaziergang am Rhein wurde eine Videoaufzeichnung gemacht: «Le petit déjeuner sur la route d’après Manet». Dieses Video wurde an der Weihnachtsausstellung in der Kunsthalle Basel 1979 – im Jahr seiner Entstehung – gezeigt und sofort für die Sammlung des Kunstkredits Basel-Stadt angekauft. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als Anna Winteler hier in Basel auftauchte, Anna die Tänzerin, die keine mehr sein wollte.
Andrea spricht von der Schwerkraft, die uns auf der Erde festhält (manchmal auch schwer macht). Und im Gegensatz dazu beschreibt sie die Luftigkeit des Tanzes. Die Erzählung wird körperlich, sie tänzelt, während sie spricht. Es entsteht eine Spannung zwischen Affirmation und kritischem Hinterfragen des Medium Tanz. Unterstützt wird diese Ambivalenz durch das Piepsen, ausgelöst durch mehr oder weniger Druck mit dem Fuss. Wie ein Kommentar zur Sprachebene wirkt dieses Piepsen, das manchmal leiser und dann heftiger, fast wie ein kleiner Jauchzer wird, z.B. bei der Erwähnung des Ankaufs für die Sammlung des Kunstkredits.
Andrea S. ist umringt von den ZuschauerInnen, die ab jetzt zu Statisten werden. Mit grossen Handbewegungen teilt sie das Publikum in vier Gruppen ein: die 70er, 80er, 90er und Tausender Jahre. Und sie spricht im Konjunktiv.
Das erinnert mich an Kinder, die in ihren Spielen oft den Konjuktiv benutzen, z.B.:«Ich wäre die Mutter, Du wärst das Kind.» Der Konjunktiv zeigt auf, dass wir uns in einem Spiel befinden. Allerdings geht es in solchen Spielanordungen durchaus ernst zu.
Der Hellraumprojektor steht in der Mitte wie ein grosses Tier, sie tänzelt um den Projektor, umkreist ihn, fängt an die Folie zu beschreiben: darüber, wie eine Performancechronik im Netz aussehen könnte, wie sie nach ihrem eigenen Namen sucht, weil das die beste Möglichkeit ist den Gehalt des Webarchivs zu überprüfen. Sie kommt von Andrea Saemann zu Chris Regn, zu Annina Zimmermann, zu den Hellen Nächten und zu Mona und von Mona zur Vergänglichkeit und den unvermeidbaren Tod.
Sie reflektiert in ihrer Performance die Subjektivität und Zufälligkeit von Geschichtsschreibung. Die Beschränktheit des einen, eigenen Blickwinkels, der die Aufmerksamkeit immer auch in eine bestimmte Richtung drängt und die Möglichkeiten und Schönheiten von freund – freundschaftlichen Verbindungen, welche durch die Vervielfältigung des einen Blickwinkels einen andern Grad von Aufmerksamkeit ermöglichen.
Ich lache oft und gerne bei der Performance von Andrea Saemann. Die heitere Leichtigkeit verdeckt nicht die Komplexität und Schwierigkeiten beim Erstellen von Archiven. Sie plädiert für einen Versuch, einen Kanon von künstlerischen Arbeiten zu erstellen ohne dabei in die Fallen von Ideologie und Vollständigkeit zu tappen. Sie ermutigt zum unentwegten Weitermachen, Weiterfragen, Weitererzählen.