„Ich kann gar keine Geschichten erzählen.“ Muda Mathis spricht diesen Satz, der den Anfang eines längeren Monologes markiert, im roten kurzen Samtrock frontal ins Publikum. Sie steht vorne am Bühnenrand und hält sich das Ende eines langen weissen Schlauches ans Ohr, durch den ihr Sus Zwick, verborgen hinter einem Schrank auf der Bühne, den Text souffliert.
Was im ersten Teil der Live-Performance „Meine Logopädin heisst Sus Zwick“ (2009) als rigorose Abgrenzung zum Geschichten Erzählen behauptet wird, entwickelt sich in den folgenden 20 Minuten zur meta-narrativen Reflexion über die Bedingungen und Möglichkeiten von Sprache und Narration, die Muda Mathis und Sus Zwick performativ inszenieren.
Wie sie das Erzählen in ihren Performances verwenden, welche Strategien sie dabei einsetzen und welche Botschaften sie dem Publikum damit übermitteln, möchte ich im Folgenden erläutern. Denn Erzählungen tauchen in ihren Performances, Video-Installationen, Hörstücken und Liedern ständig auf: erinnert, erfunden, geklaut, in längeren Bögen, zu Sekundenschnipseln fragmentiert, auf Leinwände und Körper projiziert, live oder aufgezeichnet, als Solo oder im Duett vorgelesen oder frei vorgetragen. Handlungssequenzen, welche die Künstlerinnen nach musikalischen und filmschnitttechnischen Prinzipien zeitlich organisieren und in denen ein Ereignis zu einer Situationsveränderung führt – also per definitionem Erzählungen – sind essenzieller Teil ihrer multimedialen Collagen, die sie seit über zwanzig Jahren miteinander kreieren. Den Erzählstoff abstrahieren Mathis und Zwick aus einer Vielfalt narrativer Gattungen; von der Bibel , dem Märchen oder Comic über die Kunstgeschichte und (Schweizer) Historie bis hin zur privaten Autobiographie und wählen archaische, kulturell tradierte oder ganz persönliche Handlungsmuster und Motive, die sie miteinander kombinieren.
Aber worum geht es in ihren Geschichten? Ihre Live-Performances drehen sich weniger um die Vermittlung einer bestimmten Story, als vielmehr um die Lust am Erzählerischen und dessen subversivem Potential. Muda Mathis und Sus Zwick inszenieren das Erzählen als poetisches und reflektiertes Spiel, das zur Subversion und Befreiung von normativen Zwängen führt. Ihre spezielle Art der Narration ist eine Strategie der List – ein verborgenes taktisches Manöver, das sie in all ihren Arbeiten einsetzen, um uns Zuschauer lustvoll über diejenigen Machtverhältnisse nachdenken zu lassen, die als soziale Produkte unser unmittelbares Umfeld bestimmen. Narration funktioniert bei Mathis und Zwick als Strategie der List, weil sie damit Macht positiv konnotieren, so dass die Zuschauer diese an sich nehmen und ausüben.
Von „Geschlechterkampf“, weiblicher Handlungs(ohn)macht und dem Bruch mit konventionellen Weiblichkeitszuschreibungen handeln ihre Lieder, die sie mit der Frauenband Les Reines Prochaines einem breiten Publikum im In- und Ausland präsentieren.
„Kapital und Ressourcen, die Hälfte der Macht. Das gehört uns, das bekommen wir, haben wir gedacht“ – im „Kampflied“ (2005) müssen die Ich-Erzählerinnen ihren zunächst naiven Glauben an die erreichte Gleichstellung revidieren. Mit geschärftem Blick auf die realen Missverhältnisse machen sie ihre Stimmen laut und die Hände schmutzig, um kompromisslos den begehrten „Speck“ zu erkämpfen. Der Aufruf an die Frauen, sich Macht anzueignen, wird von den Reines Prochaines explizit, manifestartig und spannungsvoll, mit vom Poetischen bis ins Groteske reichender Provokation artikuliert. In den gemeinsamen Performances von Mathis und Zwick hingegen schwingen Macht- und Geschlechterdiskurs als feministisches Attribut der 1980er Jahre viel subtiler mit.
Begehren nach Autonomie und Sinnlichkeit
Die Utopie, die ihre Performances durchzieht, ist ein urmenschliches Begehren nach Erfüllung – das Begehren nach Autonomie und Sinnlichkeit. Es ist die Utopie, sich nicht den materiellen Beschränkungen unterwerfen zu müssen, sondern diese mit den persönlichen vorhandenen Mitteln immer wieder überwinden zu können, ohne dabei eine Trennung von Rationalität und Sinnlichkeit in Kauf zu nehmen. Ihre künstlerische Absicht handelt davon, sich das Fehlende oder Wünschenswerte mit eigenen Mitteln zu „verschaffen“ und dabei die Machtverhältnisse, welche der Erfüllung zuwider laufen, zu überwinden.
Diesen Utopie-Diskurs führen sie mit Leichtigkeit; unbeschwert, bunt, humorvoll, mit Ironie und Unsinn, kabarettistischem Witz und poetischem Statement. A la Dada, Pop oder Fluxus bedienen sie sich lustvoll der Oberfläche, wo gemäss Mathis der direkte Austausch mit dem Anderen stattfindet, um ihr Publikum zu unterhalten und für sich einzunehmen. Man verlässt ihre Live-Performances nicht, ohne gelacht oder zumindest geschmunzelt zu haben, beschwingt ob den absurd Wendungen, schrägen Einfällen und dynamischen Musik-, Stimm- und Tanzeinlagen.
Der Oberfläche und Leichtigkeit bedienen sie sich, um Kontakt herzustellen. Wie aber verhandeln sie ihre Utopie inhaltlich? Welche Machtgefälle thematisieren sie in ihren Performances? Und welche Handlungsalternativen bieten sie dem Publikum an? Ihr Umgang mit Narration bietet einen möglichen Schlüssel, um diese Fragen zu beantworten. Bei Mathis und Zwick handelt es nicht nur um ein rein verbales, sondern um ein mimetisches Erzählen, das auf dominant visuelle, aber auch akustisch-verbale Art szenisch dargestellt wird. Das Erzählen geschieht performativ, das heisst über einen körperlichen Vollzug, mit einem sinnlichen Mehrwert, der begrifflich nicht erfasst werden kann, der aber mimetisch auf die Zuschauer übertragen wird. Als mimetische Erzählerinnen sprechen sie also zugleich unsere rationale wie sinnliche Wahrnehmung an. Mimesis bezeichnet die beim Menschen ausgeprägte Fähigkeit zur Nachahmung. Wobei nicht das reine Nachahmen wesentlich ist: mimetische Prozesse erzeugen – indem sie sich auf Vorhergehendes beziehen – immer etwas, das es genau so noch nicht gegeben hat.
Mit Hilfe des mimetischen Erzählens leben Mathis und Zwick in ihren Performances ihr eigenes Begehren nach Autonomie und Sinnlichkeit aus und lassen die Zuschauer durch geschickt gewählte Erzählstrategien an dieser „Erfahrung erfüllten Begehrens“ teilhaben.
Dies möchte ich beispielhaft anhand dreier Erzählstrategien erläutern, welche Mathis und Zwick häufig verwenden: die inszenierte Bricolage, die Maskerade und das poetische Erzählen.
Inszenierte Bricolage
Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss, der in den 60er Jahren ausserhalb unserer westlichen Gesellschaft nach alternativen Denkformen forschte, prägte den Begriff des „Bricolierens“ („bricoler“ frz. für „basteln“) und bezeichnete damit eine besondere Art des Denkens und Handelns, die nicht einem „planmässigen, vorgezeichneten Vorgehen“ entspricht, sondern sich vielmehr durch das spontane, raumgebundene Reorganisieren unmittelbar vorgefundener, nur zum Teil zweckbestimmter Materialien oder Ereignissen zu neuen Strukturen auszeichnet. Zum Bricoleur schrieb Lévi-Strauss: „[…] die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen […].“
Das, was Mathis und Zwick auf der Bühne treiben, kann man ganz im Sinne Lévi-Strauss’ als Bricolage bezeichnen. Nutzen sie doch für ihre Performances seit Jahren immer wieder die gleichen Alltagsobjekte, die sie in ihrem Lebensumfeld vorfinden, wie z.B. einen Schrank, Tisch, Besen, Eimer, eine Kerze, Glühbirne oder Holzlatte, aber auch Musikfragmente, Eigenzitate oder Bildprojektionen, die sie entsprechend dem Inhalt ihrer Performances auf der Bühne re-organisieren und zweckentfremden. Sie lassen sich freiwillig auf die „Begrenztheit vorgeformten Materials“, wie auch auf die besonderen Bühnen-Bedingungen vor Ort ein. Dann öffnen und erweitern sie vor Augen des Publikums diesen engen Rahmen durch phantasievolles Umdeuten der vorhandenen Mittel. Dies zeigt sich einerseits durch ihre charakteristischen Szenografien: die Performances beginnen meistens in einem spärlich eingerichteten, dunklen Bühnenraum, der sich im Laufe der Aufführung durch das komplexe Zusammenspiel von Licht und Dunkel, von Körpern, Objekten, Tönen, Projektionen, Farben, Sprache, Musik und Gesang in vielfältige autonome Resonanzräume verwandelt.
Eine zweite wichtige Rolle bei der Überschreitung der vorhandenen Mittel spielt das Wort, genauer die verbalsprachliche Umdeutung von Körperteilen, Gesten oder Objekten, mit welcher sie an die Vorstellungskraft der Zuschauer appellieren. „Stellen Sie sich vor …“ lautet die charakteristische Aufforderung, wie z.B. in der Performance „Meine Logopädin heisst Sus Zwick“: „Stellen sie sich vor, hier wäre eine Stadt. Dann ist hier eine Stadt!“ Das Publikum sieht einen roten Schrank, der im Laufe der Performance mehrfach metaphorisch und metonymisch verwandelt wird und dabei stets auf einen anderen Schauplatz verweist, der losgelöst ist von den beschränkten Bühnen-Verhältnissen und den das Individuum selbst wählen kann.
Dieses Reorganisieren und Umdeuten ist jedoch nie spontan, sonder präzise choreographiert; das Bricolieren wird auf der Bühne inszeniert. Dabei setzen sie das inszenierte Bricolieren nie als Selbstzweck ein, sondern als Mittel der künstlerischen Forschung ein. Diese Tendenz zeigt sich vor allem in den jüngeren Performances. Denn oft werden die beiden zu Kunst- oder Wissenschaftsveranstaltungen eingeladen, um auf performative Weise ganz unterschiedliche Themen zu veranschaulichen – wie z.B. die eigene Performancetradition , das disziplinäre und mediale Denken oder das Erzählen .
Das inszenierte Bricolieren eignet sich auch deshalb als Erzählstrategie, weil ihm zwei wichtige mimetisch-narrative Aspekte per definitionem zu eigen sind; nämlich das Re-Organisieren von Objekten, Subjekten oder Ereignissen in der Zeit, was zu veränderten Ereignissen oder Strukturen führt, sowie, als zweiter wichtiger Aspekt, das Sammeln und Aufbewahren von Gegenständen, das dem narrativen Vorgehen gleicht.
Hier zeigt sich das transgressive, listige Potential dieser Erzählstrategie. Indem Mathis und Zwick das bricolierende Handeln inszenieren, inszenieren sie zugleich sich selbst als autonom handelndes Subjekt, welches sich von der realen Begrenztheit seiner unmittelbaren Umgebung nicht einschränken, sondern inspirieren lässt. Und welches sich von der scheinbaren Zweckbestimmung der Gegenstände nicht beeindrucken lässt, sondern deren Bedeutung selbst neu bestimmt.
Maskerade
Wie bei der Bricolage leben Mathis und Zwick auch im Spiel mit ihren Identitäten ein Verlangen nach lustvoller Selbstbestimmtheit vor.
Ihre Kostümpalette beschränkt sich meistens auf eine paar wenige, wiederkehrende Kleidungsstücke, die Mathis und Zwick während der Performances an- und ausziehen: Ein ärmelloses rotes, grünes oder schwarzes Kleid, ein alter brauner Hut, ein alter brauner oder schwarzer Mantel, ein weisser Kittel oder Unterrock. Es sind minimale Maskierungen ohne auffällige Schminke, Perücke oder andere Transformationsmittel, wie sie beispielsweise die amerikanische Künstlerin und Fotografin Cindy Sherman für ihre Selbst- und Fremdinszenierungen einsetzt. Wir sehen immer Mathis und Zwick, die agieren. Durch die wiederkehrende Wahl ihrer Kostüme aus einer beschränkten Palette, werden sie zu Figuren in ganz unterschiedlichen Abstraktionen ihrer Selbst – ohne jedoch die eigene Identität aufzugeben. Hierin zeigt sich ihr selbstbestimmter Umgang mit ihrer Identität als Frau und Künstlerin.
So brauchen sie ihre Maskierung nicht primär, um ihre Körperlichkeit zu verändern, sondern um sie zu betonen und dem Publikum lustvoll zu präsentieren. Sie zeigen ihre Körper so wie sie sind, bewegen sie besonders in ihren Tanzeinlagen auf unbefangene, sinnliche Weise, auch wenn – oder gerade weil – sie nicht den bei uns vorherrschenden gesellschaftlichen Schönheitsidealen entsprechen. Mathis und Zwick schaffen so ihre eigenen Normen, indem sie die gesellschaftlich verankerten Konventionen überschreiten und thematisieren damit zugleich die – stets aktuelle – Frage nach den sozial und kulturell geprägten Rollen, deren Aneignungen und Artikulationsformen.
Im lustvollen Präsentieren ihres Körpers und im Ausprobieren neuer unterschiedlicher Selbstbilder offenbart sich jedoch nicht nur ein feministischer, sondern auch ein übergreifender Gender-Aspekt. Ihre autonome Bestimmung von Körperlichkeit und Sexualität überträgt sich nicht nur auf das weibliche, sondern auf das menschliche Individuum. Damit teilen sie die Auffassung, dass Identität als soziales Konstrukt sich im Bereich des Erzählens und der sozialen Praxis manifestiert.
Poetisches Erzählen
Mathis’ und Zwicks Performances sind multimediale poetische Collagen aus Sprache, Ton, Bild und Aktion. Mit ihren poetischen Sprach-Handlungen greifen sie nicht (wie bei der inszenierten Bricolage) primär auf Bestehendes zurück, sondern stellen eine Erfindung, eine neue Aussage in den Raum.
Dies geschieht einerseits über Erzähleräusserungen, die als Sentenzen meistens weder zeitlich noch räumlich determiniert sind und auf allgemeinmenschliche Phänomene hinweisen. Indem sie im Präsens stehen, wird der Diskurs lyrisch. Eine solche Sentenz liegt z.B. in den Worten: „Wenn der Körper liest, dann liest er mit seinem Rumpf, mit seinen Armen und Beinen. Wenn der Körper liest, dann tut er dies mit einer sehr feinen Membran. […] Wenn der Körper liest, dann tut er dies nicht Wort für Wort, sondern in grossen geschwungenen Linien. Wenn der Körper liest, summt er und ist in Bewegung.“
Die narrative Einbettung dieser Sentenzen und die sprachlich evozierten Bilder, konkretisieren sich oft durch körperliche Aktionen oder durch den Einsatz visueller Bilder. Oder vielmehr: sie werden scheinbar konkretisiert. Denn weder erläutert der Sprachtext die visuelle Darstellung, noch visualisiert diese den Sprachtext. Vielmehr ergibt sich aus dem oft überraschenden oder humorvollen Zusammenspiel von Sprachbild und Bildsprache eine dritte, assoziative Aussage.
Andererseits spielen Rhythmus, Mehrdeutigkeit und Vorstellungskraft eine wichtige Rolle. Denn neue Aussagen generieren Mathis und Zwick auch über eine lautmalerische „Wortmusik“: das permanente Aufscheinen ähnlicher Motive – Begriffe, Töne oder Gesten – die zwar an sich nichts bedeuten, aber durch die Wiederholung in unterschiedlichen Kontexten mit Assoziationen aufgeladen werden und dadurch einen Stellenwert in der Erzählstruktur erhalten. So dass zum Ende der Performance, wenn sie ein solches Motiv erwähnen, in der Imagination der Zuschauer ein ganzer Akkord an Bildern mitschwingt. In „Kleine Einheiten in grossen Gefässen“, einer Performance über disziplinäres und mediales Denken, evozieren sie beispielsweise das Spannungsfeld von Ordnung und Unordnung durch das wiederkehrende Motiv der Körper- und Landschafts-Topographie, die immer wieder von Störungen, Hochs und Tiefs, Licht und Dunkelheit geprägt ist. Der musikalische, marschähnliche Auftakt bildet die Grundspannung, gepaart mit ihrem Lied:
„Es bambeln leicht die Arme / Die Hüfte kommt in Schwung / Die Milch, die wird zur Sahne / Den Kosmos wirbelt’s rum / Die Schubladen klappern tüchtig / Die Mauern stürzen ein […]. Refrain: Dein Herz das hängt so hoch. Mein Herz das hängt so tief.“
Später bricoliert Zwick mit den Körperzonen von Muda Mathis: „Hier [Zwick zeigt mit der Hand auf Mathis Bauchregion] ist das Tief von Genua, hier [Knie] das Hoch der Azoren, da [Nase], der Sturm von Biasca, hier [Fussspitze] die Sonnenfinsternis von Kalkutta, da [Brust] die heissen Quellen von San Casciano, da [Scham] die Eruption vom Montserrat, und da [obere Silhouette] die Skipiste von Llubiliana.“ Später hört man im Dunkeln ein immer lauter werdendes, naturhaftes Rauschen, das sich zum Sturm steigert. Im Schlusssong taucht das Stör-Motiv, das ich beispielhaft als eines der charakteristischen Motive dieser Performance ausgewählt habe, so auf: „Zwischen das Tief von Genua und das Hoch der Azoren / da hat’s gegeben, hat’s was gegeben eine grosse Disturbation / eine Riesenwindhose / eine grosse Windhose / eine Feuerrose, eine Jacke von Hagel / eine angeregte Fluktuation / das alles hat sich geballt zu einem dicken Brei / jaaa und dieser Brei ist durch die Luft gesaust, in die Ordnung / und die Ordnung, die Ordnung ist nun entzwei.“
Dieser Versuch, das multimediale poetische Erzählen von Mathis und Zwick adäquat zu beschreiben, kann nur scheitern – was umso mehr die Notwendigkeit ihrer Live-Performance betont.
„Einverleibte“ Utopie
Mit den drei ausgeführten Erzählstrategien – der inszenierten Bricolage, der Maskerade und dem poetischen Erzählen – gelingt es Mathis und Zwick auf subversive Weise, die vorhandenen materiellen und gesellschaftlichen Einschränkungen zugleich spielerisch und reflektiert zu überwinden. In ihren multimedialen Performances ist ein Machtdiskurs stets präsent, jedoch auf sehr poetische Weise. Neben politischer Emanzipierung und Geschlechterdiskurs ist es vor allem das zutiefst menschliche Begehren nach Autonomie und Sinnlichkeit, das mit Hilfe des mimetischen Erzählens – ebenfalls einem urmenschlichen Bedürfnis – zur Erfüllung gelangen soll. Ihre Performances produzieren nicht neue künstliche Mängel, um diese dann zu befriedigen. Vielmehr stellen sie sich dem immer schon latent vorhandenen menschlichen Begehren nach Autonomie und Sinnlichkeit und erfüllen dieses Begehren durch den Moment der Aufführung. Muda Mathis und Sus Zwicks Performances reduzieren das Subjekt nicht auf das Haben-Wollen, sondern erlauben ihm, Sein zu können.
Vorliegender Text basiert auf der Dissertation Mimetisches Erzählen in zeitgenössischer Schweizer Performancekunst von Alexandra Könz, abgeschlossen 2011, und wurde zudem publiziert in: Muda Mathis, Sus Zwick, facetten 12, herausgg. v. d. Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Verlag Niggli, Zürich 2010, S. 29–43.